Gedankenbrief · Der Gedanke der Woche
Ausgabe 04

Im eigenen Leben wieder vorkommen

Man kann ziemlich zuverlässig dafür sorgen, dass im eigenen Leben alles vorkommt, was notwendig ist. Termine. Arbeit. Verantwortung. Dinge, die noch erledigt werden müssen. Interessanter wird die Frage, ob man selbst darin eigentlich ebenfalls noch vorkommt.

Ich habe vor ein paar Tagen einen Satz gesagt, der erst einmal ziemlich unspektakulär klang und dann leider nicht wieder verschwunden ist. Ich möchte in meinem eigenen Leben wieder vorkommen. Das ist so ein Satz, bei dem man im ersten Moment denkt, ja gut, natürlich kommst du in deinem eigenen Leben vor, wer denn sonst, du bist schließlich die ganze Zeit dabei. Rein organisatorisch ist die Sache ziemlich eindeutig. Ich stehe morgens in meinem Leben auf, beantworte in meinem Leben Nachrichten, fahre mit meinem Auto irgendwohin, kümmere mich um Dinge, treffe Entscheidungen, arbeite, esse, denke, plane, spreche mit Menschen und gehe abends in meinem Leben wieder ins Bett. Ich bin also schwer zu übersehen. Und trotzdem wusste ich ziemlich genau, was ich meinte. Es ging nämlich nicht darum, anwesend zu sein. Es ging darum, ob das, was mir wichtig ist, das, wonach ich mich sehne, worüber ich nachdenke, was mich lebendig macht und vielleicht auch einfach das, worauf ich gerade Lust habe, in diesem Leben tatsächlich Raum bekommt oder ob ich hauptsächlich sehr zuverlässig dafür sorge, dass alles funktioniert. Das klingt jetzt schon wieder größer, als es eigentlich angefangen hat. Eigentlich war es eine viel kleinere Beobachtung. Ich weiß ziemlich gut, was ich machen würde, wenn ich Zeit hätte. Und irgendwann ist mir aufgefallen, dass das ein merkwürdiger Satz ist.

Denn was heißt denn „wenn ich Zeit hätte“? Zeit ist ja keine seltene Tierart, die gelegentlich durch den Garten läuft und bei der man hoffen muss, dass man zufällig am Fenster steht. Ich habe Zeit. Vierundzwanzig Stunden am Tag sogar, was grundsätzlich ziemlich demokratisch verteilt ist. Natürlich weiß ich, was mit dem Satz gemeint ist. Zeit, über die ich frei verfügen kann. Zeit ohne Termin, ohne Verpflichtung, ohne jemanden, der etwas braucht, ohne dieses unsichtbare „eigentlich müsste ich noch“, das erstaunlich zuverlässig auch dann auftaucht, wenn niemand es ausgesprochen hat. Aber selbst da wird es interessant, denn wenn solche Zeit tatsächlich entsteht, passiert nicht automatisch das, was ich mir vorher ausgemalt habe. Manchmal tue ich dann Dinge, die erledigt werden müssen. Manchmal beantworte ich doch noch etwas. Manchmal räume ich irgendeine Kleinigkeit aus dem Weg, weil sie schnell geht, und danach noch eine, weil die jetzt auch noch schnell geht, und wenn man schon dabei ist, könnte man eigentlich auch noch — ich glaube, jeder kennt das Prinzip, und plötzlich ist aus dem freien Vormittag ein sehr effizient genutzter Vormittag geworden, über den man sich hinterher nicht einmal beschweren kann, weil man ja wirklich einiges geschafft hat. Nur das, worauf man sich gefreut hatte, hat wieder nicht stattgefunden.

Ich merke gerade, dass ich aufpassen muss, daraus nicht sofort einen Text über Prioritäten zu machen. Das wäre einfach. Dann könnte ich schreiben, dass wir uns Zeit für das nehmen müssen, was uns wichtig ist, vielleicht noch irgendetwas über „Wenn es dir wirklich wichtig wäre, würdest du es tun“, was ich für einen dieser Sätze halte, die gleichzeitig ein Körnchen Wahrheit enthalten und trotzdem hervorragend dazu geeignet sind, Menschen ein schlechtes Gewissen zu machen. Denn so einfach ist es ja nicht. Manche Dinge sind wirklich wichtig und finden trotzdem kaum statt. Nicht weil wir sie heimlich gar nicht wollen, sondern weil anderes lauter ist, dringender, näher, konkreter, mit anderen Menschen verbunden oder schlicht mit einer Deadline versehen. Das eigene Leben hat erstaunlich häufig keine Deadline. Niemand schreibt mir am Dienstagmorgen: Erinnerung: Du wolltest eigentlich mehr schreiben, ohne dass daraus sofort ein Buchprojekt wird. Fällig heute, 16 Uhr. Es gibt auch keine Mahngebühr, wenn ich einen Spaziergang, auf den ich eigentlich Lust hatte, auf nächste Woche verschiebe. Niemand reklamiert, wenn ich einen Nachmittag nicht dort verbringe, wo ich gerne wäre. Zumindest nicht sofort. Und vielleicht liegt genau darin ein Teil des Problems. Die Dinge, die ein Leben am Ende lebenswert machen, sind nicht unbedingt dieselben Dinge, die sich im Kalender am aggressivsten bemerkbar machen.

Das klingt jetzt verdächtig nach einem Kalenderspruch, und ich möchte den Gedanken eigentlich nicht dort verlieren. Mir geht es auch nicht darum, dass Pflichten schlecht wären. Ein Leben ohne Verpflichtungen stelle ich mir ehrlich gesagt nach kurzer Zeit ziemlich leer vor. Menschen zu haben, für die man Verantwortung trägt, Arbeit, die etwas bedeutet, Projekte, Vereinbarungen, Beziehungen, all das bindet uns, und vieles davon möchte ich gar nicht loswerden. Ich glaube, ich habe lange Freiheit und Bindung zu sehr als Gegenspieler gedacht. Je weniger Verpflichtung, desto mehr Freiheit, klingt logisch, funktioniert aber nur begrenzt, weil ein Leben, das mir etwas bedeutet, mich zwangsläufig auch bindet. Ich möchte Menschen lieben, und damit werde ich verletzbar. Ich möchte Kinder haben, und damit gehört ein Teil meiner Zeit eben nicht mehr nur mir. Ich möchte Arbeit machen, die Wirkung hat, und damit kann ich nicht ausschließlich dann auftauchen, wenn mir gerade danach ist. Ich möchte schreiben und Dinge in die Welt bringen, und auch das erzeugt irgendwann Termine, Entscheidungen, Verantwortung. Vielleicht geht es also gar nicht darum, ein Leben zu bauen, in dem niemand etwas von mir will. Das wäre vermutlich spätestens nach drei Tagen auch unangenehm. Vielleicht geht es eher darum, dass zwischen all diesen berechtigten Bindungen irgendwo noch erkennbar bleibt, wer da eigentlich gebunden ist.

Das hört sich etwas seltsam an. Aber genau das meine ich.

Ich kenne das von mir, dass ich sehr gut darin sein kann, das Notwendige zu sehen. Was muss erledigt werden, wer braucht was, was ist als Nächstes dran, wo könnte etwas schiefgehen, was sollte vorbereitet sein, was dürfen wir nicht vergessen? Das ist grundsätzlich keine schlechte Fähigkeit. In manchen Lebensphasen ist sie sogar Gold wert. Wenn mehrere Dinge gleichzeitig passieren, kann ich erstaunlich gut enger werden, sortieren, priorisieren und funktionieren. Das Wort funktionieren klingt immer so, als wäre das automatisch schlecht, dabei bin ich ziemlich froh, dass Menschen funktionieren können. Ich möchte bei einem Wasserrohrbruch nicht zuerst eine achtsame Beziehung zu meinem inneren Erleben aufbauen. Dann darf jemand gerne wissen, wo der Haupthahn ist. Das Problem ist eher, wenn eine Fähigkeit, die für bestimmte Situationen hervorragend geeignet ist, irgendwann zum Standardbetrieb wird. Wenn ich auch an ganz normalen Tagen zuerst frage, was notwendig ist, bevor ich überhaupt bemerke, was ich eigentlich möchte. Und noch unangenehmer wird es, wenn das so lange funktioniert, dass man es kaum merkt.

Denn man kann ein Leben führen, das von außen ziemlich passend aussieht und in dem trotzdem etwas langsam verschwindet. Vielleicht nicht einmal dramatisch. Es gibt keine große Krise, keinen Moment, in dem man morgens aufwacht und sagt: Ich habe mich verloren. Meistens klingt das ohnehin wie der Beginn eines Romans, in dem jemand anschließend allein nach Portugal fährt und dort zufällig eine alte Olivenbäuerin trifft, die in drei Sätzen das Leben erklärt. So ist es bei mir zumindest nicht. Es sind eher kleine Dinge. Man merkt, dass man seit Wochen etwas machen möchte und nie dazu kommt. Dass man eine Idee hat, auf die man wirklich Lust hätte, aber jedes Mal zuerst die vernünftigen Dinge erledigt. Dass man genau weiß, was einem guttun würde, und trotzdem darauf wartet, dass irgendwann genügend Platz dafür entsteht. Und der entsteht merkwürdigerweise nicht. Oder wenn er entsteht, wird er innerhalb kürzester Zeit von etwas anderem besiedelt.

Vielleicht ist Platz generell etwas, das sich schlecht selbst verteidigt.

Ein leerer Termin im Kalender sieht aus wie eine Möglichkeit. Leider nicht nur für mich.

Ich glaube, ich bin an der Stelle früher ziemlich schnell in Lösungen gegangen. Dann muss ich eben blocken. Termine mit mir selbst machen. Den Kalender anders strukturieren. Klare Zeiten festlegen. Und all das kann sinnvoll sein, nur merke ich inzwischen, dass ich die interessantere Frage damit manchmal übersprungen habe. Warum muss ich mir überhaupt einen Termin mit mir selbst machen, damit ich in meinem Leben vorkomme? Ich verstehe die praktische Logik vollkommen, und vielleicht werde ich das auch weiterhin tun. Aber ein bisschen absurd ist es schon. Dienstag, 14 bis 16 Uhr: Ich. Nicht verschiebbar. Als müsste ich mich gegen mich selbst einbuchen, bevor jemand anderes den Slot erwischt.

Vielleicht ist aber auch genau das notwendig, wenn man lange gelernt hat, auf Anforderungen zu reagieren. Nicht weil die anderen Menschen alle rücksichtslos wären. Das wäre viel zu einfach. Häufig erwarten sie gar nicht so viel, wie ich innerlich daraus mache. Eine Anfrage ist zunächst einmal eine Anfrage. Ein freier Termin ist zunächst einmal ein freier Termin. Eine Nachricht ist zunächst einmal eine Nachricht. Den Rest erledigt manchmal mein Kopf ziemlich selbstständig. Da könnte man doch noch. Das wäre sinnvoll. Das geht schnell. Das lässt sich gut verbinden. Und irgendwann entsteht ein Leben, das gar nicht gegen die eigenen Wünsche gebaut wurde. Das finde ich fast spannender. Niemand hat es einem weggenommen. Man hat es Stück für Stück sehr vernünftig eingerichtet.

Vielleicht ist Vernunft überhaupt gefährlicher, als sie aussieht.

Nein, das ist Quatsch. Jetzt werde ich pathetisch.

Aber ich glaube tatsächlich, dass viele Dinge, die uns von uns selbst entfernen, zunächst vollkommen nachvollziehbar sind. Natürlich erledige ich erst das Dringende. Natürlich kümmere ich mich um die Menschen, für die ich Verantwortung habe. Natürlich nehme ich einen guten Auftrag an. Natürlich mache ich die Sache noch fertig. Natürlich verschiebe ich meinen eigenen Plan, wenn etwas Wichtiges dazwischenkommt. Jede einzelne Entscheidung ergibt Sinn. Das Problem sieht man erst in der Summe. Ein einzelner abgesagter Nachmittag bedeutet nichts. Zehn vielleicht auch noch nicht. Aber irgendwann merkt man, dass das, was immer verschiebbar war, systematisch genau das war, was nur einem selbst gehört hat.

Und das ist ein Gedanke, der mich gerade ziemlich trifft: Vielleicht verlieren wir uns nicht hauptsächlich in den falschen Entscheidungen. Vielleicht verlieren wir uns in vielen richtigen Entscheidungen, in denen wir selbst nur dauerhaft an letzter Stelle vorkommen.

Wobei „an letzter Stelle“ auch wieder so klingt, als müsste ich jetzt fordern, man solle sich selbst immer an die erste setzen. Das will ich gar nicht. Ehrlich gesagt halte ich diese Vorstellung auch für ziemlich unpraktisch, sobald mehrere Menschen miteinander leben. Ich möchte nicht jeden Morgen mit meiner Familie in eine kleine Ranglistenverhandlung einsteigen, wer heute zuerst sich selbst verwirklichen darf. Beziehung bedeutet ja gerade, dass ich manchmal etwas tue, weil es einem anderen wichtig ist. Verantwortung bedeutet, dass ich Dinge mache, auf die ich keine Lust habe. Liebe ist gelegentlich erstaunlich unromantisch und besteht darin, irgendwohin zu fahren, etwas zu organisieren oder zum dritten Mal nach einer Trinkflasche zu suchen, die selbstverständlich dort liegt, wo sie niemand vermutet hat. Das gehört dazu. Und in einem gemeinsamen Leben tragen verschiedene Menschen auf unterschiedliche Weise sehr viel. Planung, Organisation, Termine, Kinder, Arbeit, all die kleinen Dinge, die kaum auffallen, solange sie funktionieren, verteilen sich ohnehin nie so sauber, dass man am Ende auf einer Tabelle ablesen könnte, wer nun wie viel getragen hat. Vielleicht sollte man es auch gar nicht versuchen. Mir geht es jedenfalls nicht darum, meinen eigenen Raum gegen den Raum anderer zu stellen. Im Gegenteil. Ich möchte, dass die Menschen, mit denen ich lebe, ihren Raum haben, und ich weiß gleichzeitig, dass gerade darin leicht etwas Merkwürdiges passieren kann: Man kann sehr überzeugt davon sein, dass jeder Raum braucht, und trotzdem den eigenen immer wieder als den flexibelsten behandeln.

Wie merkt man eigentlich, dass man vorkommt? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Vielleicht daran, dass nicht alles, was man tut, begründbar sein muss. Dieser Gedanke gefällt mir gerade. Denn viele Dinge, die ich für andere oder für Aufgaben tue, haben einen klaren Grund. Das muss erledigt werden. Das ist wichtig. Das bringt etwas. Das ist sinnvoll. Bei den Dingen, die mich selbst betreffen, neige ich dagegen manchmal dazu, ebenfalls eine Rechtfertigung zu suchen. Schreiben ist sinnvoll, weil daraus vielleicht ein Buch wird. Spazierengehen ist sinnvoll, weil Bewegung gesund ist. Lesen ist sinnvoll, weil ich etwas lerne. Reisen erweitert den Horizont. Zeit allein hilft bei der Regulation. Selbst Freizeit bekommt einen Business Case. Vielleicht komme ich in meinem Leben genau dort vor, wo etwas nicht erst nützlich sein muss, damit ich es tun darf.

Das ist jetzt unangenehm nah.

Denn ich kann sogar aus Dingen, die mir Freude machen, ziemlich schnell Projekte bauen. Eine Idee ist kaum da und bekommt schon einen Arbeitstitel. Dann eine Struktur. Vielleicht einen Ordner. Wenn es richtig gut läuft, existiert kurz darauf Version 0.1. Das ist einerseits großartig, weil Dinge dadurch tatsächlich entstehen. Es ist eine meiner Stärken. Aber manchmal frage ich mich, ob ich einer Idee auch einfach ein bisschen länger erlauben könnte, unnütz zu sein. Ob ich schreiben kann, ohne sofort wissen zu müssen, was der Text später wird. Ob ich irgendwohin fahren kann, ohne daraus einen Erkenntnisgewinn mitzunehmen. Ob ich etwas anfangen darf, obwohl es möglicherweise niemals fertig wird. Das fällt mir schwerer, als ich gerne zugeben würde, weil unfertige Dinge in meinem Kopf schnell aussehen wie Aufgaben, die schlecht organisiert wurden.

Und vielleicht ist genau dieser Text ein Teil davon. Er ist natürlich auch ein Projekt. Ich mache mir da nichts vor. Er wird geschrieben, verschickt, Menschen werden ihn lesen, irgendwann wird es wahrscheinlich eine Liste geben, auf der steht, welcher Text wann erschienen ist. Ich kenne mich. Aber trotzdem fühlt sich diese Art zu schreiben anders an, weil sie nicht vollständig wissen muss, wo sie ankommt. Ich kann einen Gedanken anfangen und unterwegs feststellen, dass ich eigentlich über etwas anderes nachdenke. So wie jetzt. Ich wollte über das Gefühl schreiben, im eigenen Leben wieder vorzukommen, und plötzlich schreibe ich darüber, ob Dinge einen Zweck brauchen. Vielleicht hängt das zusammen. Wahrscheinlich sogar. Denn wenn mein eigener Raum immer dadurch legitimiert werden muss, dass er etwas produziert, verbessert oder ermöglicht, dann ist er am Ende doch wieder Arbeit, nur in bequemerer Kleidung.

Das heißt nicht, dass ich plötzlich zweckfrei im Wald sitzen möchte. Wobei ich gegen den Wald wenig einzuwenden hätte. Aber ich glaube, ich sehne mich nach einer anderen Selbstverständlichkeit. Danach, nicht jede persönliche Bewegung gegen die Anforderungen des Lebens verteidigen zu müssen, und vielleicht auch nicht gegen die Bedürfnisse der Menschen, mit denen ich lebe, denn darum geht es gar nicht. In einem gemeinsamen Leben wird es immer Aushandlung geben, manchmal bekommt der eine mehr Raum, manchmal der andere, manchmal gibt es Wochen, in denen es schlicht nicht gut aufgeht. Vielleicht ist die entscheidende Frage gar nicht, ob die Verteilung jederzeit perfekt ist, sondern ob ich meinen eigenen Anteil an diesem Aushandeln überhaupt ernst nehme oder ob ich innerlich schon vorher entschieden habe, dass mein Raum im Zweifel derjenige ist, der am leichtesten verschoben werden kann.

Während ich das schreibe, merke ich allerdings, dass „im eigenen Leben vorkommen“ schnell nach einer ziemlich privilegierten Frage klingt. Es gibt Lebensphasen, in denen Menschen kaum Wahlmöglichkeiten haben. Pflege, Krankheit in der Familie, finanzielle Not, kleine Kinder, existenzieller Druck, Situationen, in denen man nicht einfach beschließt, ab jetzt mehr Raum für sich zu schaffen. Das will ich nicht wegromantisieren. Manchmal ist ein Leben wirklich eng. Und dann hilft es auch wenig, wenn jemand von außen sagt, man müsse sich nur wichtig genug nehmen. Vielleicht ist genau deshalb die Frage nach dem Vorkommen hilfreicher als die nach der vollständigen Freiheit. Denn vorkommen kann sehr klein sein. Nicht ideal. Nicht genug. Aber trotzdem real. Vielleicht ist es eine halbe Stunde, vielleicht ein Weg, den man zu Fuß geht, obwohl das Auto schneller wäre, vielleicht ein Buch auf dem Nachttisch, das nicht der Weiterbildung dient, vielleicht eine Entscheidung, bei der man sich einmal nicht automatisch danach richtet, was für alle anderen am unkompliziertesten wäre, und vielleicht ist es auch einfach die Fähigkeit zu bemerken: Eigentlich möchte ich das gerade nicht. Nicht einmal zwingend mit der Konsequenz, dass man es dann nicht tut. Auch das finde ich wichtig. Ich kann wahrnehmen, dass ich keine Lust habe, und es trotzdem machen, weil es notwendig ist. Aber dann bin ich wenigstens noch beteiligt. Dann passiert nicht diese seltsame Verschiebung, in der das eigene Wollen irgendwann so wenig gefragt wird, dass man selbst gar nicht mehr genau weiß, was es antworten würde.

Vielleicht ist das überhaupt der Punkt. Nicht, dass ich immer tun muss, was ich will, sondern dass ich noch weiß, was ich will. Das klingt fast zu einfach, aber ich glaube, da steckt für mich gerade viel drin, denn wenn man lange sehr gut auf das reagiert, was notwendig, vernünftig oder erwartet ist, kann die eigene Richtung leiser werden, nicht verschwinden, das wäre mir schon wieder zu groß, aber sie wird vielleicht so selten gefragt, dass man irgendwann ziemlich genau beschreiben kann, wie ein gutes Leben aussehen müsste, und trotzdem erstaunt feststellt, dass vieles davon im ganz normalen Alltag kaum auftaucht. Dann steht irgendwann ein freier Vormittag im Kalender, und theoretisch müsste man sich freuen, praktisch beginnt man aber zuerst damit, die Dinge wegzuarbeiten, die jetzt, wo schon einmal Platz ist, vernünftigerweise erledigt werden könnten.

Da bin ich wieder beim ersten Gedanken über Freiheit. Offenbar drehen sich manche Fragen im Kreis und zeigen nur von einer anderen Seite auf dasselbe, und vielleicht ist das sogar gut. Ich möchte gerade gar kein System daraus machen. Es fällt mir nur auf, dass „frei sein“ und „im eigenen Leben vorkommen“ vermutlich enger zusammenhängen, als ich vorher dachte. Freiheit ist nicht nur verfügbarer Raum. Sie hat auch damit zu tun, ob ich überhaupt bemerke, was ich mit diesem Raum anfangen möchte, bevor er wieder selbstverständlich in all den Dingen aufgeht, die ebenfalls berechtigt, sinnvoll oder wichtig sind.

Und vielleicht habe ich genau das manchmal zu selten gemacht. Nicht verlernt, das wäre mir wieder zu dramatisch, sondern schlicht zu selten gefragt. Was möchte ich eigentlich mit diesem Nachmittag? Mit dieser Woche? Mit einem Teil meines Lebens, der nicht schon durch Rollen, Verpflichtungen oder Projekte erklärt ist? Und dann kommt sofort die nächste Falle, denn natürlich könnte ich auch daraus wieder eine Aufgabe machen. Mehr auf mich hören. Mehr eigenen Raum schaffen. Mehr Dinge nur für mich tun. Das klingt schon beim Schreiben nach einem neuen Optimierungsprogramm, und genau darauf habe ich eigentlich keine Lust.

Vielleicht reicht es kleiner. Nicht mein Leben neu bauen, sondern genauer bemerken, wo es ohnehin Spielraum gibt und was ich dort regelmäßig mit mir mache. Ob ich ihn nutze, ob ich ihn sofort wieder fülle, ob ich ihn anderen gebe, weil es gerade wirklich wichtig ist, oder ob ich das nur automatisch tue, weil es sich vertrauter anfühlt. Wahrscheinlich wird es auch weiterhin Tage geben, an denen meine Pläne zurückstehen, und andere, an denen die meiner Frau zurückstehen, und vermutlich ist das in einer Familie ziemlich normal. Entscheidend scheint mir gerade weniger, wer wann wie viel Raum bekommt, als dass das Ganze nicht ausschließlich aus Gewohnheit passiert.

Der vergangene Dienstag ist dafür vielleicht tatsächlich interessanter als jede große Lebensvision. Man kann sehr überzeugend beschreiben, wie man leben möchte. Ich zumindest kann das. Freiheit, Schreiben, Natur, Zeit, Menschen, die mir wichtig sind, sinnvolle Arbeit, nicht permanent verfügbar sein, genug Raum, um Gedanken entstehen zu lassen. Klingt hervorragend. Die schwierigere Frage ist, wie viel davon in einer ganz normalen Woche tatsächlich vorkommt, nicht als Prüfung und auch nicht, damit daraus gleich wieder eine Bilanz wird, sondern einfach deshalb, weil ein gewünschtes Leben irgendwann irgendwo zwischen Montagmorgen und Sonntagabend auftauchen muss, wenn es mehr sein soll als eine schöne Vorstellung.

Und ich merke schon wieder, wie nahe ich daran bin, daraus eine Übung zu machen. Also höre ich lieber vorher auf.

Vielleicht ist es für den Moment genug, dass dieser Satz überhaupt aufgetaucht ist: Ich möchte in meinem eigenen Leben wieder vorkommen. Nicht mehr als alle anderen, nicht auf Kosten der Menschen, die mir wichtig sind, und auch nicht mit der Vorstellung, dass sich von jetzt an alles um meine Bedürfnisse drehen müsste. Das wäre nicht das Leben, das ich möchte.

Aber eben auch nicht weniger selbstverständlich als die anderen.

Was das konkret bedeutet, weiß ich wahrscheinlich noch nicht vollständig. Vielleicht zeigt es sich ohnehin eher in kleinen Entscheidungen als in einem großen Entwurf.

Ich werde es wohl merken.

„Nicht, dass ich immer tun muss, was ich will, sondern dass ich noch weiß, was ich will.“