Freiheit muss man manchmal erst aushalten
Ich hatte in den letzten Tagen einen Gedanken, der mich ein bisschen mehr beschäftigt hat, als ich zunächst erwartet hatte. Eigentlich war es nicht einmal ein Gedanke.
Ich hatte in den letzten Tagen einen Gedanken, der mich ein bisschen mehr beschäftigt hat, als ich zunächst erwartet hatte. Eigentlich war es nicht einmal ein Gedanke. Eher so ein Satz, der irgendwann plötzlich da war und bei dem ich zuerst dachte: Na ja, das ist jetzt vielleicht ein bisschen dramatisch formuliert. Es passiert etwas Schlimmes, wenn ich frei mache. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich ihn das erste Mal so klar gedacht habe. Wahrscheinlich deshalb, weil solche Sätze selten aus dem Nichts kommen. Sie stehen nicht morgens neben dem Bett und stellen sich höflich vor. Meistens sind sie schon ziemlich lange da, nur eben in einer Form, die man nicht sofort erkennt. Bei mir sieht das zum Beispiel so aus, dass ich mir freie Zeit wünsche. Nicht nur Urlaub, auch nicht dieses klassische „Ich müsste mal wieder einen Tag nichts machen“, das man sagt, während man eigentlich schon weiß, dass man diesen Tag dann damit verbringt, all die Dinge zu erledigen, die liegen geblieben sind. Ich meine wirklich freie Zeit. Zeit, in der ich morgens noch nicht genau weiß, was ich machen werde, vielleicht schreiben, vielleicht mit dem Hund raus, vielleicht irgendwo hinfahren, vielleicht gar nichts Besonderes, vielleicht ein Buch anfangen und zwei Stunden später feststellen, dass ich noch immer lese. Ich mag diesen Gedanken sehr. Eigentlich ist er sogar ziemlich nah an dem Leben, das ich mir wünsche.
Und gleichzeitig passiert etwas Merkwürdiges, sobald diese Freiheit tatsächlich auftaucht. Dann ist sie nämlich nicht nur schön. Dann wird sie manchmal auch unangenehm. Nicht sofort und auch nicht so offensichtlich, dass ich sagen würde: Ich kann mit Freizeit nicht umgehen. Das wäre mir zu platt. Ich kann hervorragend Dinge tun, die nichts mit Arbeit zu tun haben, und ich brauche auch nicht permanent Beschäftigung. Darum geht es gar nicht. Es ist eher dieses leise Gefühl im Hintergrund, dass ich gerade etwas übersehe, dass irgendwo etwas ist, um das ich mich kümmern müsste, dass vielleicht gleich eine Nachricht kommt, jemand eine Frage hat, etwas schiefgeht, eine Rechnung auftaucht, mit der ich nicht gerechnet habe, ein Auftrag plötzlich doch nicht stattfindet, irgendetwas, das mich daran erinnert, dass ich mich besser nicht zu sehr darauf verlassen sollte, dass es gerade ruhig ist. Während ich das schreibe, merke ich schon, dass ich beinahe anfange, das zu erklären. Nervensystem, Lernerfahrungen, Erwartungssicherheit, all diese Dinge könnte man jetzt heranziehen und wahrscheinlich würde vieles davon sogar stimmen. Aber das wäre mir gerade zu schnell. Denn bevor ich erkläre, warum das so ist, interessiert mich eigentlich etwas anderes: Wie verrückt ist es, dass man sich Freiheit wünschen kann und sie, wenn sie dann da ist, nicht automatisch als Freiheit erlebt?
Ich glaube, ich habe lange angenommen, dass das eine rein äußere Frage ist. Wenn ich weniger Termine habe, bin ich freier, wenn ich weniger Verpflichtungen habe, bin ich freier, wenn ich meine Arbeit stärker selbst gestalten kann, bin ich freier, wenn ich finanziell weniger abhängig bin, bin ich freier, wenn ich nicht ständig irgendwo sein muss, wenn ich nicht dauernd verfügbar sein muss, wenn andere Menschen weniger darüber bestimmen, wie mein Tag aussieht, dann müsste doch irgendwann dieses Gefühl entstehen, auf das ich eigentlich die ganze Zeit hinarbeite. Und wahrscheinlich stimmt das auch. Zumindest teilweise. Denn natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand tatsächlich über seine Zeit verfügen kann oder ob jeder Tag von außen durchgetaktet ist. Ich will daraus jetzt keine dieser Geschichten machen, in denen wir feststellen, dass Freiheit ja eigentlich nur eine innere Haltung sei und man deshalb auch in völliger Fremdbestimmung einfach lernen müsse, sich innerlich frei zu fühlen. Das glaube ich nicht. Äußere Bedingungen sind real. Sie machen einen Unterschied. Und trotzdem scheint äußere Freiheit noch nicht automatisch dazu zu führen, dass wir sie innerlich auch benutzen können. Benutzen ist vielleicht ein merkwürdiges Wort dafür. Aber gerade gefällt es mir. Freiheit benutzen. Nicht Freiheit haben. Denn vielleicht liegt da tatsächlich ein Unterschied. Ich kann einen freien Nachmittag haben und ihn trotzdem damit verbringen, innerlich auf Abruf zu bleiben. Dann gehört mir die Zeit auf dem Papier, aber irgendwie noch nicht vollständig.
Und jetzt merke ich, dass ich gerade in eine Richtung abbiege, in der ich Freiheit beinahe definieren möchte. Das wollte ich eigentlich gar nicht. Mir ging es um diesen Satz. Es passiert etwas Schlimmes, wenn ich frei mache. Denn als er da war, habe ich irgendwann angefangen, genauer hinzuschauen, und plötzlich gab es dafür erstaunlich viele kleine Belege. Nicht die großen Katastrophen. Es ist nicht so, dass jedes Mal, wenn ich einen Nachmittag freinehme, das Haus abbrennt. Dann wäre die Sache wenigstens leicht zu verstehen. Es sind eher diese kleinen Verknüpfungen. Du hast gerade beschlossen, heute nichts Berufliches mehr zu machen, und dann kommt eine Nachricht, auf die du eigentlich reagieren müsstest, du bist ein paar Tage weg und plötzlich gibt es irgendeine organisatorische Sache, du nimmst dir Raum und kurz darauf passiert etwas, das wieder Aufmerksamkeit verlangt. Und natürlich passiert das auch an anderen Tagen. Wahrscheinlich sogar genauso oft. Nur speichert mein Kopf offenbar nicht jede Situation gleich ab. Wenn ich ohnehin arbeite und noch etwas dazukommt, dann ist das eben Arbeit. Wenn ich aber gerade das Gefühl hatte, jetzt endlich einmal frei zu sein, und genau dann passiert etwas, bekommt die Situation eine andere Bedeutung. Sie wird zu einem kleinen Beweis. Siehst du. Genau deshalb darfst du nicht zu weit weggehen. Bleib lieber erreichbar. Bleib lieber ein bisschen angespannt. Freu dich nicht zu früh.
Ich glaube, das ist der Punkt, an dem es für mich interessant wird. Denn Spannung ist dann nicht mehr nur unangenehm. Sie bekommt eine Funktion. Solange ich innerlich ein bisschen auf der Hut bin, bin ich vorbereitet. Dann überrascht mich nichts vollständig. Zumindest fühlt es sich so an. Und wenn etwas passiert, kann ich mir hinterher sogar sagen, dass es gut war, dass ich nicht völlig abgeschaltet hatte. Das Problem daran ist nur, dass sich diese Logik kaum selbst widerlegen kann. Wenn etwas passiert, bestätigt sie sich, wenn nichts passiert, hat die Wachsamkeit offenbar funktioniert. Eigentlich ziemlich clever. Während ich das schreibe, muss ich gerade daran denken, wie häufig wir bei Veränderung davon ausgehen, dass unser Problem darin besteht, dass wir etwas noch nicht verstanden haben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich mit diesem Thema überhaupt so viel beschäftige. Denn verstanden habe ich das alles. Ich weiß, dass nicht jede Nachricht sofort beantwortet werden muss, ich weiß, dass ich nicht verhindern kann, dass unvorhergesehene Dinge passieren, ich weiß, dass ein freier Nachmittag keine Krise verursacht, ich weiß sogar, dass permanentes Bereithalten vermutlich nicht dazu führt, dass die Welt zuverlässiger wird. Eigentlich weiß ich das doch. Und trotzdem sitzt irgendwo ein Teil von mir und scheint zu sagen: Schön, dass du das weißt. Ich passe trotzdem lieber auf.
Das ist einer dieser Momente, an denen Wissen plötzlich erstaunlich wenig beeindruckend wirkt. Nicht wertlos. Überhaupt nicht. Ich glaube nur, wir überschätzen manchmal, wie viel Macht eine Einsicht automatisch über uns bekommt, nur weil sie logisch richtig ist. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb manche Veränderungen so frustrierend sein können. Man sieht sich selbst dabei zu, man erkennt das Muster, man kann es erklären, man könnte wahrscheinlich sogar jemand anderem ziemlich klug erzählen, was hier gerade passiert, und dann macht man es trotzdem wieder. Ich merke zum Beispiel, dass ich an einem freien Tag häufiger auf mein Handy schaue, als ich eigentlich möchte. Nicht permanent. Aber doch oft genug, dass ich mich manchmal dabei erwische. Und das Spannende ist: Ich suche dabei ja nicht unbedingt nach etwas Schönem. Ich kontrolliere, ob etwas passiert ist. Das ist ein Unterschied.
Vielleicht kennst du das in irgendeiner Form. Vielleicht auch überhaupt nicht bei Freizeit. Vielleicht ist es bei dir ein anderer Bereich. Vielleicht fällt es dir schwer, dich über etwas zu freuen, bevor es wirklich sicher ist, vielleicht wartest du bei einem neuen Job innerlich darauf, dass sich doch noch herausstellt, dass es ein Fehler war, vielleicht kannst du eine gute Phase in deiner Beziehung nicht ganz genießen, weil ein Teil von dir schon beobachtet, wann die nächste Spannung kommt, vielleicht hast du Geld auf dem Konto und fühlst dich trotzdem nicht sicher, vielleicht bekommst du Anerkennung und suchst unmittelbar danach nach dem Hinweis, dass jemand dich doch nicht so gut findet. Ich merke gerade, dass ich schon wieder anfange, eine Liste daraus zu machen. Das passiert mir schnell. Ein Gedanke taucht auf und sofort will ein Teil von mir ihn sortieren, Kategorien daraus bilden, vielleicht ein Modell entwickeln. Das kann ziemlich nützlich sein. Aber manchmal geht dabei genau das verloren, was mich ursprünglich berührt hat. Und hier war es eigentlich nur diese merkwürdige Erkenntnis: Ich wünsche mir Freiheit. Und ein Teil von mir misstraut ihr.
Vielleicht ist das viel weniger widersprüchlich, als es zunächst klingt. Denn Freiheit bedeutet eben nicht nur, dass etwas Schönes möglich wird. Sie bedeutet auch, dass ich für einen Moment aufhöre, mich vorzubereiten, dass ich nicht alles im Blick habe, dass ich nicht dauernd eingreifen kann, dass die Welt ein paar Stunden ohne meine Aufmerksamkeit auskommen muss. Und vielleicht noch unangenehmer: dass ich erleben könnte, dass sie das tatsächlich kann. Auch das ist nämlich nicht ausschließlich erleichternd. Wenn man sich lange darüber definiert hat, verantwortlich zu sein, Dinge zu regeln, Probleme früh zu erkennen, Zusammenhänge zu überblicken und am besten schon eine Lösung zu haben, bevor andere überhaupt bemerkt haben, dass es ein Problem gibt, dann ist die Erfahrung, nicht gebraucht zu werden, erstaunlich ambivalent. Das klingt gerade viel größer, als ich es eigentlich machen wollte. Aber vielleicht gehört es doch dazu. Freiheit bedeutet schließlich auch, dass ich nicht permanent notwendig bin. Und ich weiß nicht, ob wir darüber oft sprechen. Wir sprechen viel darüber, dass Menschen zu viel Verantwortung tragen, dass sie lernen müssen, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen, Aufgaben abzugeben. Alles richtig. Aber was passiert eigentlich, wenn andere es dann wirklich ohne uns machen? Wenn niemand anruft, wenn das Problem gar nicht entsteht, wenn ein Projekt weiterläuft, obwohl wir heute nicht daran arbeiten, wenn unsere Kinder irgendwo sind und uns gerade nicht brauchen, wenn ein Kollege etwas selbst löst, wenn wir einen Tag verschwinden könnten und die Welt am Abend noch ungefähr genauso aussieht wie morgens? Das ist Freiheit. Und vielleicht kratzt sie manchmal ein wenig am eigenen Selbstbild.
Ich weiß nicht, ob das bei mir der entscheidende Punkt ist. Wahrscheinlich nicht allein. Ich glaube ohnehin zunehmend weniger an diese eine Erklärung, die plötzlich alles auflöst. Meistens sind es mehrere Dinge, Erfahrungen, Gewohnheiten, Verantwortung, Angst, Kontrolle, vielleicht auch ein Stück Identität und wahrscheinlich noch etwas, was ich gerade gar nicht sehe. Früher hätte mich das vermutlich gestört. Ich hätte gerne gewusst, welche Ursache nun die richtige ist. Heute denke ich immer häufiger, dass ich gar nicht jedes innere Phänomen vollständig auseinanderbauen muss, bevor sich etwas verändern darf. Manchmal reicht es vielleicht erst einmal, es zu bemerken. Nicht in diesem etwas überstrapazierten Sinne von „Bewusstsein ist schon die halbe Veränderung“. Manchmal ist Bewusstsein ehrlich gesagt einfach nur Bewusstsein und das Muster macht danach fröhlich weiter. Aber man sieht es wenigstens. Und vielleicht entsteht dadurch irgendwann ein kleiner Zwischenraum. Heute Nachmittag muss ich nicht prüfen. Diese Nachricht kann bis morgen warten. Ich muss nicht noch schnell etwas erledigen, damit ich mir danach die Erlaubnis geben darf, frei zu haben. Wobei das auch so ein perfides Ding ist. Dieses „Ich mache nur noch kurz …“. Es gibt nämlich fast immer noch etwas, eine Mail, eine Rechnung, eine Idee, die man schnell festhalten könnte, irgendetwas im Haus, ein Anruf. Wenn Freiheit erst beginnen darf, wenn alles erledigt ist, beginnt sie wahrscheinlich nie. Das gilt zumindest für mein Leben. Vielleicht gibt es irgendwo Menschen, deren Aufgabenlisten irgendwann tatsächlich leer sind. Ich kenne nur keinen.
Und vielleicht ist Freiheit deshalb weniger dieser große Zustand, den man irgendwann erreicht, wenn man sein Leben endlich richtig sortiert hat. Vielleicht ist sie manchmal eine ziemlich kleine Entscheidung mitten in einem unaufgeräumten Leben. Jetzt nicht. Heute nicht mehr. Das bleibt liegen. Und dann kommt vermutlich der schwierigere Teil. Nicht doch fünf Minuten später zurückzugehen. Ich merke gerade, dass ich am Ende schon wieder anfange, daraus eine Antwort zu machen. Vielleicht, weil Texte sich irgendwie danach anfühlen, als müssten sie am Ende irgendwo ankommen. Aber ich bin bei diesem Gedanken ehrlich gesagt noch nicht angekommen. Ich habe gerade erst verstanden, dass da überhaupt etwas ist. Dass meine Vorstellung von Freiheit bisher ziemlich stark darauf ausgerichtet war, die äußeren Bedingungen zu schaffen, unter denen ich frei sein kann, und dass ich dabei vielleicht unterschätzt habe, dass ich diese Freiheit irgendwann auch innerlich lernen muss. Nicht im Sinne einer Technik. Eher wie etwas, das der Körper und vielleicht auch der Kopf wiederholt erleben müssen. Ich mache heute nichts mehr. Und nichts Schlimmes passiert. Oder etwas passiert, und ich kann mich morgen darum kümmern. Oder etwas passiert, das ich ohnehin nicht hätte verhindern können.
Vielleicht geht es irgendwann gar nicht mehr darum, die Sicherheit zu bekommen, dass nichts passieren wird. Denn die gibt es nicht. Das wäre wieder so ein Versuch, Freiheit an eine Bedingung zu knüpfen. Du darfst entspannen, sobald garantiert ist, dass die Welt dich bis morgen in Ruhe lässt. Das wird schwierig. Vielleicht muss Freiheit also etwas anderes aushalten. Dass Dinge passieren können, dass nicht alles kontrollierbar ist, dass ein guter Tag keine Garantie dafür ist, dass der nächste genauso wird, dass ich etwas Schönes trotzdem nicht kleiner machen muss, nur damit ein möglicher Verlust später weniger wehtut. Und jetzt bin ich plötzlich bei einem viel größeren Thema gelandet, als ich eigentlich wollte. Vielleicht gehört das hier genau so hin. Vielleicht auch nicht. Aber ich lasse es stehen. Denn möglicherweise ist das gerade der Gedanke, den ich aus dieser Woche mitnehme: Nicht, dass ich endlich lernen muss, besser abzuschalten, nicht, dass ich mein Handy öfter weglegen sollte, nicht einmal, dass ich mehr Freizeit brauche. Sondern dass Freiheit für mich offenbar nicht nur etwas ist, das ich mir schaffen kann. Ich muss sie mir irgendwann auch glauben. Und ich habe keine Ahnung, wie lange das dauert. Vielleicht ist das auch gar nicht die richtige Frage. Für den Moment reicht mir eigentlich eine kleinere. Was passiert, wenn ich heute einfach aufhöre? Nicht für immer. Nicht als neues Lebenskonzept. Nur heute. Und dann sehe, ob die Welt mich morgen noch braucht.
