Gedankenbrief · Der Gedanke der Woche
Ausgabe 02

Eigentlich weiß ich das doch

Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Satz schon gedacht oder gesagt habe. Wahrscheinlich ziemlich oft, und meistens nicht in Situationen, in denen ich besonders stolz auf mich war.

Ich weiß gar nicht, wie oft ich diesen Satz schon gedacht oder gesagt habe. Wahrscheinlich ziemlich oft, und meistens nicht in Situationen, in denen ich besonders stolz auf mich war. „Eigentlich weiß ich das doch.“ Das sagt man ja selten, wenn gerade alles wunderbar funktioniert. Man sagt es eher dann, wenn man sich dabei ertappt, wieder genau das zu tun, von dem man längst verstanden hat, dass es einem nicht guttut. Wenn man wieder zu lange arbeitet, obwohl man weiß, dass man eine Pause braucht, wenn man sich über etwas ärgert, von dem man sich vorgenommen hatte, es nicht mehr so nah an sich heranzulassen, wenn man zum fünften Mal dieselbe Diskussion führt, obwohl man beim letzten Mal noch ziemlich überzeugend erklärt hat, warum man es beim nächsten Mal anders machen wird. Und dann sitzt man da, manchmal mit erstaunlich viel Wissen über sich selbst, und denkt: Eigentlich weiß ich das doch. Was dann meistens nicht sehr freundlich gemeint ist. Eher so ein bisschen wie ein inneres Augenrollen. Komm schon. Das haben wir doch nun wirklich oft genug besprochen. Ich weiß nicht, wer dieses „wir“ in solchen Momenten eigentlich genau sein soll, aber offenbar gibt es in mir eine kleine interne Besprechungsrunde, die regelmäßig zu dem Ergebnis kommt, dass die operative Umsetzung mal wieder hinter den strategischen Erwartungen zurückbleibt.

Vielleicht ist das auch deshalb so frustrierend, weil Wissen sich zunächst nach etwas ziemlich Endgültigem anfühlt. Wenn ich etwas verstanden habe, dann ist es doch verstanden. Wenn ich weiß, dass die Herdplatte heiß ist, muss ich das nicht jeden Dienstag neu lernen. Ich fasse nicht aus Versehen drauf und denke hinterher: Interessant, offenbar war Wärme heute wieder ein Thema. Manche Dinge funktionieren erfreulich zuverlässig. Wir lernen etwas, speichern es ab und können später darauf zurückgreifen. Genau deshalb ist es ja so irritierend, dass das bei anderen Dingen überhaupt nicht so funktioniert. Ich kann zum Beispiel sehr genau wissen, dass ein bestimmter Gedanke nicht besonders hilfreich ist, und ihn trotzdem denken. Ich kann wissen, dass ich nicht für alles verantwortlich bin, und mich trotzdem verantwortlich fühlen. Ich kann wissen, dass ein Konflikt nicht automatisch bedeutet, dass eine Beziehung gefährdet ist, und trotzdem reagiert irgendetwas in mir, als müsste man jetzt zumindest vorsorglich schon einmal alle Rettungsboote kontrollieren. Das Wissen ist ja nicht weg. Wenn mich in diesem Moment jemand fragen würde, könnte ich es wahrscheinlich sogar ziemlich differenziert erklären. Vielleicht würde ich dabei noch ein Modell aufmalen, weil ich Modelle mag und offenbar kaum eine Gelegenheit auslasse, Dinge in Kästchen und Pfeile zu verwandeln. Aber das hilft in dem Moment nicht unbedingt. Und ich glaube, genau da fängt etwas an, was mich seit einiger Zeit ziemlich beschäftigt: Vielleicht ist „Ich weiß es doch“ gar nicht die Lösung, die noch nicht richtig funktioniert. Vielleicht beschreibt dieser Satz ziemlich genau das Problem.

Denn es scheint offenbar einen Unterschied zu geben zwischen dem, was ich weiß, und dem, was mir in einem bestimmten Moment tatsächlich zur Verfügung steht. Das klingt zunächst fast banal. Natürlich können wir unter Stress schlechter denken, natürlich sind wir manchmal emotional, natürlich reagieren Menschen nicht immer rational. Alles bekannt, nächstes Thema. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger banal finde ich es. Denn wenn das wirklich stimmt, dann verändert es die Frage. Dann lautet die Frage nicht mehr nur: Warum mache ich etwas, obwohl ich es besser weiß? Sondern vielleicht: Warum kann ich auf das, was ich weiß, gerade nicht so zugreifen, dass es mein Erleben oder Handeln tatsächlich verändert? Das ist etwas anderes. Und ich merke gerade, wie schnell ich jetzt wieder anfangen könnte, das theoretisch auseinanderzunehmen. Stressreaktionen, Nervensystem, implizites Lernen, alte Erfahrungen, emotionale Netzwerke, Kontextabhängigkeit von Erinnerung, es gäbe genug Begriffe, mit denen man das alles hübsch beschriften könnte. Wahrscheinlich werde ich das an anderer Stelle auch tun, weil ich solche Dinge tatsächlich spannend finde. Aber gerade interessiert mich zuerst diese einfache Alltagserfahrung, weil ich glaube, dass sie etwas sehr Menschliches sichtbar macht, das wir uns gleichzeitig erstaunlich oft als persönliches Versagen auslegen.

Vielleicht kennst du diesen Moment, in dem jemand zu dir sagt: „Du musst dir darüber nicht so viele Gedanken machen.“ Und du denkst: Ach was. Danke. Endlich sagt es mir jemand. Ich hatte bisher angenommen, ich sei gesetzlich verpflichtet, jede mögliche Variante dieses Problems nachts zwischen 2:17 Uhr und 4:38 Uhr einmal vollständig durchzusimulieren. Natürlich weiß man häufig, dass man sich nicht so viele Gedanken machen müsste. Genau deshalb ist der Satz ja so wenig hilfreich. Oder „Du musst auch mal Nein sagen.“ Ja. Stimmt. Habe ich schon gehört. Es gibt Bücher darüber, Podcasts, Seminare, vermutlich Tassen mit entsprechenden Aufschriften und wahrscheinlich irgendwo auch einen dekorativen Holzschriftzug für die Küche. Das Problem ist meistens nicht, dass der Mensch noch nie auf die Idee gekommen ist, Nein zu sagen. Das Problem beginnt oft ziemlich genau in dem Moment, in dem jemand vor ihm steht und tatsächlich etwas von ihm möchte. Dann verändert sich die Situation. Plötzlich ist Nein nicht mehr ein vernünftiges Konzept aus einem Buch, sondern vielleicht Enttäuschung im Gesicht eines anderen Menschen, ein möglicher Konflikt, Schuldgefühl, die Sorge, egoistisch zu sein, die alte Erfahrung, dass Harmonie sicherer ist als Abgrenzung, oder einfach diese ganz schnelle innere Bewegung, in der man schon „Ja, klar“ gesagt hat, bevor der Rest des Gehirns überhaupt seinen Laptop aufgeklappt hat.

Und hinterher kommt dann wieder dieser Satz: Eigentlich weiß ich das doch.

Ich finde das deshalb so interessant, weil in diesem „eigentlich“ ziemlich viel steckt. Eigentlich weiß ich es. Also offenbar gibt es einen Zustand, in dem mir dieses Wissen vollkommen plausibel erscheint, und einen anderen Zustand, in dem es zwar irgendwo vorhanden sein muss, aber nicht dieselbe Wirkung hat. Ich weiß beispielsweise an einem ruhigen Sonntagabend sehr genau, dass ich nicht jede berufliche Nachricht sofort beantworten muss. Das kann ich nicht nur verstehen, ich kann es sogar fühlen. Es erscheint mir vernünftig, logisch, geradezu selbstverständlich. Dann kommt am Montag um 11:23 Uhr eine Nachricht, bei der ich den Eindruck habe, dass jemand auf etwas wartet, und plötzlich wird aus derselben Frage eine völlig andere. Jetzt geht es nicht mehr abstrakt darum, ob Menschen rund um die Uhr erreichbar sein müssen. Natürlich nicht. Jetzt geht es darum, ob ich genau diese Nachricht gerade liegen lassen kann. Und auf einmal gibt es Argumente. Sehr gute Argumente übrigens. Mein Kopf ist beeindruckend kreativ, wenn er etwas rechtfertigen möchte, das er fünf Minuten vorher noch für unnötig gehalten hat. Das dauert doch nur kurz. Dann ist es aus dem Kopf. Sonst denke ich nachher wieder dran. Die Person braucht das bestimmt. Ich könnte ja wenigstens kurz antworten. Und wenn ich ohnehin gerade das Handy in der Hand habe, dann ist es jetzt auch egal. Man kennt das. Zumindest kenne ich das. Und plötzlich habe ich nicht das Gefühl, gegen mein Wissen zu handeln. Im Moment selbst fühlt sich das Handeln meistens erstaunlich sinnvoll an. Das ist vielleicht das Gemeine daran.

Wir stellen uns rückblickend oft vor, wir hätten bewusst gegen unsere bessere Erkenntnis entschieden. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob das immer stimmt. Vielleicht verändert sich in solchen Momenten die Gewichtung. Dinge, die mir in Ruhe wichtig erscheinen, werden leiser, und andere Dinge werden plötzlich sehr laut. Sicherheit. Zugehörigkeit. Kontrolle. Harmonie. Verlässlichkeit. Bloß keinen Fehler machen. Bloß niemanden enttäuschen. Bloß nicht auffallen. Bloß nicht zu viel sein. Oder bloß nicht zu wenig. Je nachdem, was man sich über die Jahre so zusammengebaut hat. Das heißt nicht, dass wir dann willenlos werden. Das wäre mir zu einfach und ehrlich gesagt auch zu bequem. Natürlich tragen wir Verantwortung für unser Handeln. Aber Verantwortung ist etwas anderes als die Vorstellung, dass jede Reaktion jederzeit unter denselben inneren Bedingungen entsteht. Das tut sie offenbar nicht. Und vielleicht wäre es ganz hilfreich, das anzuerkennen, bevor wir uns das nächste Mal dafür beschimpfen, dass wir etwas „doch längst wissen“.

Ich habe lange eine gewisse Vorliebe für Erkenntnisse gehabt. Wahrscheinlich immer noch. Ich liebe diese Momente, in denen plötzlich etwas zusammenpasst. Wenn man einen Zusammenhang sieht, den man vorher nicht gesehen hat, und auf einmal denkt: Ach so. Deshalb. Das kann unglaublich erleichternd sein. Und manchmal verändert eine Erkenntnis tatsächlich sehr viel. Es gibt Sätze, Gespräche oder Erfahrungen, nach denen etwas nicht mehr ganz so ist wie vorher. Aber vielleicht habe ich daraus irgendwann stillschweigend eine Regel gemacht: Wenn ich etwas wirklich verstanden habe, müsste es sich auch verändern. Und wenn es sich nicht verändert, habe ich es entweder noch nicht richtig verstanden oder ich stelle mich irgendwie an. Das ist, wenn man es so aufschreibt, schon eine ziemlich harte Logik. Vor allem für Menschen, die ohnehin gut darin sind, sich selbst zu beobachten und zu analysieren. Denn dann kommt zum ursprünglichen Muster noch die Enttäuschung darüber, dass man das Muster trotz Analyse weiterhin hat. Man ist nicht nur angespannt, sondern genervt davon, dass man angespannt ist. Nicht nur unsicher, sondern beschämt darüber, dass man trotz aller Erkenntnisse noch unsicher ist. Nicht nur überfordert, sondern zusätzlich enttäuscht, weil man doch inzwischen wirklich genug über Grenzen, Selbstfürsorge und Prioritäten gelesen hat, um gefälligst nicht mehr überfordert sein zu dürfen. Das ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Man schafft es, aus Wissen noch eine zusätzliche Möglichkeit zur Selbstkritik zu bauen.

Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich diese ganze Welt aus „Du musst nur verstehen, dass …“ zunehmend skeptisch macht. Nicht weil Verstehen unwichtig wäre. Im Gegenteil. Ohne Verstehen fehlt oft Orientierung. Aber Orientierung ist eben noch keine Bewegungsfähigkeit. Ich kann eine Landkarte anschauen und trotzdem nicht automatisch dort ankommen, wo ich hinwill. Jetzt bin ich doch bei einem Modell gelandet. War vermutlich nur eine Frage der Zeit. Aber das Bild gefällt mir gerade, weil eine Karte etwas sehr Wertvolles ist. Sie zeigt mir, wo ich bin, vielleicht auch, wo ich hinmöchte, welche Wege es gibt, wo Hindernisse liegen. Niemand würde deshalb behaupten, dass die Karte nutzlos ist. Aber niemand käme auf die Idee, sich eine Wanderkarte anzusehen und hinterher beleidigt zu sein, weil er noch immer am Parkplatz steht. Bei psychologischen Erkenntnissen machen wir genau das erstaunlich häufig. Wir verstehen etwas, und weil wir es verstehen, erwarten wir, innerlich schon angekommen zu sein.

Dabei muss ein Gedanke vielleicht erst Erfahrungen sammeln. Das klingt ein bisschen seltsam, aber ich glaube, ich meine es tatsächlich so. Vielleicht reicht es nicht, einmal zu verstehen: Ich darf Nein sagen. Vielleicht muss ich Nein sagen und erleben, dass die Beziehung bestehen bleibt. Vielleicht sogar mehrfach. Vielleicht muss ich erleben, dass jemand enttäuscht ist und ich das aushalte. Dass ich nicht sofort reparieren muss. Dass ein Konflikt nicht automatisch bedeutet, dass alles zerbricht. Dass ich eine Nachricht liegen lasse und am nächsten Morgen keine Rauchwolke über meinem beruflichen Leben hängt. Dass ich mich zeige und nicht jeder begeistert ist und trotzdem nichts Grundsätzliches mit mir passiert. Dass ich etwas nicht perfekt mache und es dennoch gut genug ist. Nicht als Übungsprogramm, bei dem man anschließend zehn Häkchen setzt und dann offiziell geheilt ist. So funktioniert es wahrscheinlich auch wieder nicht. Aber als neue Erfahrung, die neben das alte Wissen tritt.

Und dann denke ich wiederum: Ist „neue Erfahrungen machen“ jetzt nicht auch schon wieder so eine Antwort, die sehr ordentlich klingt? Wahrscheinlich. Vielleicht versuche ich gerade doch wieder, den Gedanken zu einem Ergebnis zu bringen. Das scheint eine berufliche Nebenwirkung zu sein. Irgendwann will man sagen können: Also gut, wir haben das Problem verstanden, hier sind die nächsten Schritte. Dabei wollte ich eigentlich bei einer anderen Frage bleiben. Nämlich warum das Wissen manchmal so weit weg sein kann, obwohl es doch eindeutig zu uns gehört. Vielleicht ist „weit weg“ sogar ein besseres Bild als „nicht verfügbar“. Nicht verfügbar klingt technisch. Als wäre da irgendwo ein Serverproblem. Bitte versuchen Sie es später erneut. Wobei sich manche Tage tatsächlich so anfühlen. Aber weit weg trifft dieses Gefühl besser. Ich kenne bestimmte Dinge über mich, über andere, über das Leben, und in einem ruhigen Moment kann ich sie ganz nah erleben. Ich glaube ihnen. Dann verändert sich etwas in mir, Stress steigt, eine alte Unsicherheit wird berührt, ein Mensch reagiert anders als erwartet, und plötzlich steht dieselbe Erkenntnis am anderen Ende eines ziemlich langen Flures.

Sie ist noch da. Ich sehe sie vielleicht sogar. Aber ich komme gerade nicht richtig ran.

Und vielleicht ist das der Teil, bei dem ich inzwischen vorsichtiger mit Ratschlägen geworden bin. Denn von außen sieht die Tür oft ziemlich leicht aus. Man sieht einen Menschen und denkt: Du müsstest doch nur … Du müsstest dich abgrenzen. Du müsstest dir selbst vertrauen. Du müsstest loslassen. Du müsstest aufhören, dir so viele Gedanken darüber zu machen, was andere denken. Wahrscheinlich stimmt das alles sogar. Das Problem ist nur: Der Mensch weiß das möglicherweise längst. Vielleicht sitzt er seit Jahren vor derselben Tür und hat mittlerweile eine beeindruckende Sammlung an Schlüsseln, nur in genau dem Moment, in dem die Tür aufgeht, fühlt sich keiner davon passend an.

Ich merke gerade, dass ich sehr in Bildern unterwegs bin. Türen, Flure, Landkarten. Fehlt eigentlich nur noch ein Kompass und irgendwo ein Leuchtturm, dann haben wir den vollständigen Satz an Metaphern zusammen. Aber vielleicht passiert das auch deshalb, weil es schwer ist, diesen Unterschied direkt zu beschreiben. Wir haben für Wissen eine ziemlich klare Sprache. Ich weiß etwas oder ich weiß es nicht. Bei innerer Verfügbarkeit wird es unschärfer. Ich kann etwas wissen und ihm trotzdem nicht glauben. Ich kann ihm glauben und es trotzdem nicht fühlen. Ich kann es fühlen und trotzdem anders handeln. Ich kann etwas einmal können und in einer anderen Situation plötzlich nicht mehr. Das wirkt inkonsequent, vielleicht ist es aber einfach nur menschlicher, als unsere Vorstellungen von Entwicklung es manchmal zulassen.

Vielleicht verläuft Entwicklung überhaupt viel weniger linear, als wir gerne hätten. Das ist natürlich auch keine neue Erkenntnis. Und schon wieder sind wir beim Wissen. Wir wissen, dass Entwicklung nicht linear ist, und sind dann trotzdem irritiert, wenn sie nicht linear verläuft. Das ist fast schon komisch. Wir lesen irgendwo: Rückschritte gehören dazu. Sehr guter Satz. Wird markiert. Vielleicht gespeichert. Und drei Wochen später haben wir einen schlechten Tag und denken: Super, jetzt bin ich wieder ganz am Anfang. Offenbar hat selbst unser Wissen darüber, dass Wissen nicht immer verfügbar ist, dieses Problem. Ich finde das irgendwie beruhigend. Oder zumindest konsequent.

Vielleicht wäre also schon etwas gewonnen, wenn wir den Satz „Eigentlich weiß ich das doch“ ein bisschen anders hören. Nicht mehr als Vorwurf. Nicht mehr als Beweis dafür, dass wir offenbar zu dumm, zu undiszipliniert oder zu wenig entwickelt sind, um unsere eigenen Erkenntnisse umzusetzen. Sondern vielleicht eher als Hinweis. Interessant. Da ist etwas, das ich weiß, aber gerade nicht erreiche. Was ist hier anders? Was ist gerade lauter? Was macht diese Situation so besonders? Nicht sofort, um es zu reparieren. Vielleicht erst einmal nur, um genauer zu werden.

Denn manchmal liegt darin ja schon ein Unterschied. Wenn ich sage: Ich weiß doch, dass ich keine Angst haben muss, streite ich mit meiner Angst darüber, ob sie berechtigt ist. Das kann ein ziemlich ermüdendes Gespräch werden, weil Angst erfahrungsgemäß nicht besonders beeindruckt davon ist, dass man ihr Statistiken vorliest. Wenn ich stattdessen merke: Interessant, gerade fühlt sich etwas gefährlich an, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass es das wahrscheinlich nicht ist, entsteht ein anderer Raum. Dann müssen Wissen und Erleben nicht mehr gegeneinander antreten. Beide dürfen erst einmal wahr sein, auf unterschiedliche Weise. Ich weiß, dass ich sicher bin, und etwas in mir fühlt sich noch nicht sicher. Ich weiß, dass ich Nein sagen darf, und etwas in mir erwartet dabei trotzdem einen Preis. Ich weiß, dass ich nicht perfekt sein muss, und ein Teil von mir glaubt weiterhin, dass Fehler gefährlich werden könnten. Vielleicht muss ich mich dann nicht entscheiden, welche Seite „recht“ hat.

Das ist gerade vermutlich der Gedanke, bei dem ich selbst hängenbleibe.

Vielleicht scheitern wir manchmal gar nicht daran, dass wir zu wenig wissen. Vielleicht scheitern wir daran, dass wir von unserem Wissen erwarten, stärker zu sein als jede andere Erfahrung, nur weil es vernünftig ist.

Und wenn das stimmt, dann müsste ich vielleicht auch anders mit mir umgehen, wenn ich etwas wieder nicht so mache, wie ich es eigentlich längst verstanden habe. Nicht alles durchgehen lassen. Nicht aus jedem Muster eine unveränderliche Wahrheit machen. Aber vielleicht auch nicht sofort diese genervte Stimme anschalten, die sagt: Das weißt du doch inzwischen wirklich besser.

Ja.

Weiß ich.

Offenbar ist das gerade nicht die ganze Geschichte.

Vielleicht ist genau das der Satz, der mir im Moment besser gefällt.

Nicht: Eigentlich weiß ich das doch.

Sondern: Ich weiß das. Und offenbar gibt es noch etwas anderes, das gerade ebenfalls mitredet.

Was dieses Andere jeweils ist, weiß ich nicht immer. Manchmal lässt es sich ziemlich gut erkennen, manchmal wahrscheinlich erst viel später, und vermutlich gibt es Situationen, in denen ich es nie vollständig verstehen werde. Das stört mich inzwischen weniger als früher. Ich muss vielleicht nicht jedes innere Rätsel lösen, um anders mit ihm umgehen zu können. Es reicht womöglich manchmal, nicht sofort zu glauben, dass Wissen und Verhalten perfekt übereinstimmen müssten, damit Entwicklung echt ist.

Und vielleicht denke ich darüber morgen schon wieder anders.

Wäre zumindest konsequent.